Von der „Himmelskanone“ zum „Eierhäuschen“

Ich finde es logisch, dass unter dem Dach ein Astronom wohnt. Das ist kein Zufall. Ich stelle mir vor, wie Prof. Dr. Kurt Hübner nachts bei klarem Himmel auf seine Dachterrasse geht. Wie er den Mond überprüft. Wie er dann sein Teleskop hervorholt. Mit diesem Teleskop stellt er seine nächtlichen Beobachtungen an. Dabei stimmt das gar nicht. Der Astronom sitzt nachts genauso vor seinem Computer wie ich und guckt überhaupt nicht in die Sterne.

So beginnt das Kapitel „Die Himmelskanone“. Für die Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, die diesem Kapitel zugrunde liegt, habe ich seit meiner Schulzeit eine große Schwäche. Unten im Museum stehen schöne alte Teleskope und andere wundervolle Instrumente. Nachts kann man einmal im Monat den Berliner Sternenhimmel beobachten. Albert Einstein hat hier 1915 den ersten öffentlichen Vortrag in Berlin über die Relativitätstheorie gehalten.

Die Archenhold-Sternwarte liegt ein wenig versteckt im Treptower Park, Richtung Plänterwald, und lohnt immer einen Besuch.

Das, was da auf dem Dach unter den Bäumen schräg hervorlugt, das ist ein riesiges Fernrohr, der größte bewegliche Linsenrefraktor der Welt. Die Berliner haben dieses Fernrohr 1896 die „Himmelskanone“ getauft.

Nur einen Kilometer Luftlinie von der Archenhold-Sternwarte und der Himmelskanone entfernt, oder zwanzig Minuten Spaziergang immer längs der Spree entlang

steht ein anderes Gebäude, das einen lustigen Namen trägt, das „Eierhäuschen“. Über das „Eierhäuschen“ wurden auch schon Bücher geschrieben, diesmal von Theodor Fontane. Im vierzehnten Kapitel seines berühmten Romans „Der Stechlin“ heißt es:

Das Ziel unsrer Fahrt … hat einen ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹. Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird.

Wer heute einen Blick auf diese „sonderbar benamste Spreeschönheit“ werfen möchte, auf eine der damals beliebtesten Ausfluggaststätten Berlins, der findet leider nicht mehr viel. Denn das „Eierhäuschen“ hat den Zeitsprung, den die Archenhold-Sternwarte mit einiger Mühe überwunden hat, nicht geschafft. Fontanes Gaststätte ist heute

eine Ruine.

Und so kann man in nur einer halben Stunde Spaziergang vom Treptower Park durch den Plänterwald bis zur Spree beides sehen: einerseits die mit Fleiß und Glück gelungene Erneuerung der Sternwarte, andererseits das Vergessene, Verlassene, Zurückgebliebene. Die Mitarbeiter der Sternwarte hatten Glück, die Besitzer und Angestellten des „Eierhäuschens“ nicht. Das verfällt.
Natürlich gibt es dafür Gründe.

Zwischen „Himmelskanone“ und „Eierhäuschen“ nämlich, heute tief im Plänterwald verborgen, liegt der ehemalige Kulturpark der DDR. Das war der einzige fest installierte Rummelplatz des Landes. Ich habe ihn in diesem „Sommer“ besucht.

Seine Geschichte ist mit der Geschichte von Fontanes „Eierhäuschen“ fest verbunden. Doch diese Geschichte erzähle ich ein andermal. Bis dahin muss es genügen, noch einmal Fontane zu lesen, der uns versichert, dass es damals nirgendwo so gutes bayerisches Bier gegeben habe wie in eben jenem Garten des „Eierhäuschens“, das nun so traurig verfällt.

Unsere Landpartieler waren … nach dem »Eierhäuschen« zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. … In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ das »Eierhäuschen« und die Spree leben, zugleich versichernd, »daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der sei freilich in Berlin ebensogut wie woanders«. Die Baronin hielt aber aus und rührte sich nicht. »Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.«

Im Moment zumindest bleiben die Lichter im „Eierhäuschen“ aus.

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