Ein Wort noch zur Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow. Ein Wort noch zu ihrer Geschichte.

Seit ihrer Gründung 1896 wurde die Sternwarte von dem Astronomen Friedrich Simon Archenhold geleitet.

Damals hieß das Observatorium noch „Treptow-Sternwarte“. Im Mittelpunkt der Sternwarte stand schon immer das Riesenfernrohr, das im September 1896 fertiggestellt und der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Es war damals eine Riesenattraktion, heute nicht weniger beeindruckend.

Der deutsche Schriftsteller und Publizist Kurt Tucholsky schrieb darüber:
TREPTOW bei Berlin hat eine Sternwarte, und die Sternwarte hat ein großes Fernrohr; die Prospekte sagen, es sei das größte der Welt, davon wird es nicht größer.

Die Treptow-Sternwarte hat sich jedenfalls schon immer darum bemüht, eine echte „Volkssternwarte“ zu sein. Führungen, Laien-Arbeitsgemeinschaften und „Gemeinverständliche Kino-Vorträge“ wurden eingerichtet. In diesem Rahmen hielt auch Albert Einstein 1915 hier seinen berühmten Vortrag „Relativität der Bewegung und Gravitation“. Die Sternwarte erfüllte wichtige Aufgaben, sowohl populärwissenschaftlicher Art als auch in der astronomischen Forschung.

1931 wurde Friedrich Simon Archenhold 70 Jahre alt und zog sich als Direktor der Sternwarte zurück. Die Leitung übernahm sein Sohn Günter Archenhold, Friedrich Simon blieb Vorsitzender des Vereinsvorstandes.

1933 brachen für beide, Friedrich Simon und Günter Archenhold, schwere Zeiten an. Bereits 1934 beriet die Stadt Berlin darüber, die jüdische Familie Archenhold aus der Sternwarte zu entfernen. Im März 1935 beantragte ein gewisser Werner Hartmann, Friedrich Simon Archenhold vom Vorstandsvorsitz des Vereins zu entbinden. Der Antrag wurde damals noch mit 18 zu 1 Stimmen klar abgelehnt. Die Nationalsozialisten änderten daraufhin ihre Taktik, 1936 wurde die Sternwarte von der Stadt Berlin übernommen. Da es nun keinen Verein mehr gab, hatte Friedrich Simon Archenhold keine Funktion mehr. Und Ende Juni 1936 musste auch Günter Archenhold die Leitung der Sternwarte niederlegen. Die Familie war somit gezwungen, ihr Lebenswerk entschädigungslos aufzugeben.

Günter Archenhold gelang es, noch im selben Jahr, 1936, in die Schweiz und später nach England zu entkommen, wo er in London im

Solar Physics Observatory arbeitete.

Friedrich Simon Archenhold starb, kurz nach Kriegsausbruch, am 14. Oktober 1939 im Alter von 78 Jahren. Er wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Seine Ehefrau und Mitarbeiterin, Alice Archenhold, und die gemeinsame Tochter Hilde wurden noch im selben Jahr in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo beide 1943 ums Leben kamen. Ich habe kein Foto von Alice Archenhold finden können.

Im vergangenen Jahr, 2010, wurde in Berlin-Oberspree diese kleine Straße von Ostendstraße umbenannt in Alice-Archenhold-Weg.
Sie ist klein, die Erinnerung. Und eine Sackgasse.
Immerhin. Sie existiert.

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