Das Wort „Oberzensurkollegium“ ist ein sehr deutsches Wort.

Es beinhaltet die Wörter „Ober“ (sehr wichtig), „Zensur“ (das kennt jeder) und „Kollegium“. Das „Oberzensurkollegium“ war eine staatliche Institution in Preußen, die sich damit beschäftigte, den Verkauf von Büchern und die Aufführung von Theaterstücken und Opern zu erlauben — oder eben zu verbieten.

Jenem „Oberzensurkollegium“ kam im Jahr 1836 zu Ohren, dass ein gewisser Meyerbeer in Paris mit seiner Oper „Les Huguenots“ den bis dahin größten Erfolg der Operngeschichte überhaupt gelandet hatte. Das Pariser Publikum tobte.
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Das preußische Oberzensurkollegium tobte auch. Denn Meyerbeer, Giacomo Meyerbeer, war bekennender Jude. Seine Familie war — im Gegensatz zur Familie Mendelssohn zum Beispiel — nicht zum christlichen Glauben konvertiert. Die Herren des Oberzensurkollegiums lehnten die Aufführung der Oper ab. Erst sechs Jahre später durfte „Les Huguenots“ auch in Berlin auf die Bühne gebracht werden.

Angefangen hatte der junge Meyerbeer als Pianist. Carl Maria von Weber nannte ihn 1816 den „vielleicht besten Klavierspieler Europas“.

Damit war es vorbei, als Meyerbeer 1816 nach Italien ging und dort in den folgenden Jahren sechs im Stile Rossinis geschriebene Opern herausbrachte.

Die Oper „Il crociato in Egitto“ (1824) hatte so großen Erfolg, dass Meyerbeer umgehend nach Paris gebeten wurde.

Paris war schon immer Meyerbeers Traum gewesen. Gleich die erste Pariser Oper, „Robert le Diable“ (1831), wurde eine bis dahin vollkommen ungekannte Opernsensation.

Der Erfolg der nächsten Oper, „Les Huguenots“, überfügelte den des „Robert“ noch. Die Oper wurde bis zum Jahr 1900 ganze eintausend Mal in Paris aufgeführt. 1000 Mal! Meyerbeer war längst Millionär. An seinen „puritanischen“ Wohnsitz in Berlin und andere Aufenthaltsorte schrieb er währenddessen sehr lehrreiche und schöne Briefe an seine Frau Minna.

1842 wurde Meyerbeer auf Betreiben von Alexander von Humboldt endlich nach Berlin berufen. Dort wurde er Preußischer Generalmusikdirektor, ließ sich aber bereits 1846 auf unbestimmte Zeit beurlauben. Schenkt man Meyerbeers Briefen Glauben, verstand er sich mit dem Preußischen Königshaus ausgezeichnet, mit den Berliner Bürgern dagegen überhaupt nicht.

Seine Opern wurden von den deutschen Rezensenten gern verrissen. 1832 hatte Meyerbeer an Minna geschrieben:

Daran hat sich auch später, als Meyerbeer in Berlin wirkte, wenig geändert. „Meyerbeers wahrer geschichtlicher Stellung wurde durch die singuläre Violenz, mit der man sein Schaffen und seine Person in Deutschland bekämpfte, bislang kaum Gerechtigkeit zuteil“, schreibt noch 1982 der Musikwissenschaftler Heinz Becker.

1864 starb Meyerbeer in Paris, wo er mit den Proben seiner Oper „L’Africaine“ beschäftigt war. Sein Leichnam wurde nach Berlin überführt und auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee beigesetzt. Ich habe seinen Grabstein auf dem nachfolgenden Foto mit einem Punkt gekennzeichnet.

Heute, am 5. September 2011, wäre Giacomo Meyerbeer 220 Jahre alt geworden. Steht man vor seinem Grab, fragt man sich, ob die Berliner ihren Sohn der Grand Opéra noch immer nicht akzeptiert haben. Und ob die Herren des Preußischen Oberzensurkollegiums vielleicht noch immer das letzte Wort haben.

In der anbrechenden Saison 2011/12 jedenfalls hat keines der Berliner Opernhäuser ein Werk von Giacomo Meyerbeer im Programm.

Das kann doch nicht das letzte Wort sein! In Madrid haben wir es in der vergangenen Saison doch auch geschafft!

Berlin, gedenke endlich Deines großen preußischen Sohnes!

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