Jemand hat mich ernst genommen. Das hat mich gefreut! Genauer gesagt hat jemand die Passage aus meinem letzten Blogeintrag ernst genommen, in der es darum geht, dass mir ein Atlas gefehlt hat. Beim Schreiben meines Buches. Das muss jemandem sehr leid getan haben, und dann hat er mir ein Geschenk gemacht:

Dafür möchte ich mich sehr herzlich bedanken! Es handelt sich bei diesem Geschenk um einen sehr nützlichen Atlas, und er hebt folgendermaßen an:
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Sprache
Die Sprache ermöglicht die Verständigung der Menschen untereinander, sie dient der Vermittlung von Information, der Kommunikation.

Besser kann man es nicht sagen!

Wie Sie daraus bereits erkennen, ist das Buch sehr lehrreich. Es enthält eine Menge Karten, Übersichten und Statistiken zur Entwicklung der deutschen Sprache. Und ihrer Mundarten!

Brian O’Brien fragte beim letzten Mal: „Aber wie unterscheidet man zwischen Dialekt und Mundart?“ Die korrekte Antwort, Brian O’Brien, lautet: gar nicht! Die Begriffe „Dialekt“ und „Mundart“ sind synonym. Nur hat sich die eingedeutschte Variante „Mundart“ nicht recht durchgesetzt. Ist das nicht lehrreich?

Lehrreich sind auch die zahlreichen Übersichten und Statistiken im Buch,

aus denen Sie — wie beispielsweise hier — erkennen können, dass Hugo von Hofmannsthal deutlich öfter den Dativ verwendet hat als Wilhelm von Humboldt, aber praktisch nie den Genitiv.

Neben den lehrreichen gibt es aber auch ärgerliche Übersichten! Schauen Sie sich im Folgenden einmal besonders die Spalte „besondere Eigenschaften“ an.

Ist das nicht ein wenig ärgerlich? Das sind sie also, die besonderen Eigenschaften an uns Frauen? Schlampig (Schlampe), plump (Trampel), böse (Hexe), leichtfertig (Flittchen), prostituiert (Dirne, Hure)?
Das hat mich nachdenklich gemacht.

Ich habe angefangen, über den Autor dieses Werkes nachzudenken. Werner König. Kannte er denn keine anderen Eigenschaften, die das Wort „Frau“ auch ersetzen können? Wundervoll, gütig (Fee)? Schön, anmutig (Grazie)? Oder gar liebend, stark (Göttin)?

Ich kam zu dem Schluss, dass die Liebe tatsächlich ein klares Manko im dtv-Atlas zur deutschen Sprache ist. Sie kommt praktisch nicht vor. Selbst wo es sich anbieten würde:

Es gibt Situationen, in denen man eine bestimmte Vorstellung hat, diese auch geistig umreißen kann, aber keinen adäquaten Ausdruck dafür zur Verfügung hat,
fällt dem Autor kein anderes Beispiel ein als:
Das ist die Situation eines Forschers, der etwas Neues entdeckt.

Aber die Liebe, frage ich? Ist denn nicht die Liebe das Paradebeispiel für einen Zustand, für den man keinen adäquaten Ausdruck zur Verfügung hat?

Werner König kennt diese Art von Liebe nicht. Er kennt nur die Liebe zum Detail, aber sie ist natürlich auch sehr viel wert. Sie zeigt sich besonders in den zahlreichen, hochinteressanten Mundartkarten im letzten Teil des Atlasses, die ich sofort ins Herz geschlossen habe.

Wie regional verschieden war und ist doch der Gebrauch des Verbes „sich beeilen“:

Sich sputen in Berlin, sich tummeln, sich eilen in Frankfurt am Main, sich schicken, pressieren im Süden. Werner König sagt, dass der Grund dafür, warum es so viele verschiedene Formen für dieses Verb gibt, in folgendem liegt: man beeile sich, sagt er, eben immer in Krisensituationen. Man verwendet das Verb also spontan, daher konnte es sich so verschieden ausprägen. „Sich beeilen“ zählt daher zum sogenannten affektiven Wortschatz.

Ganz anders dagegen diese Karte:

Die Tomate zählt ganz offensichtlich nicht zum affektiven Wortschatz. Die Tomate ist unveränderlich, ja, gewissermaßen unverbrüchlich!
Werner König führt aus:
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Tomate
Die Tomate war wie die Kartoffel zunächst Zierpflanze und wurde erst im 19. Jh. für die Küche entdeckt. Als Gartenfrucht ist sie in Deutschland erst im 20. Jh. heimisch geworden. Konservative Bauern essen sie bis heute nicht.

Ob diese konservativen Bauern auch den Liebes- oder Paradiesapfel verschmähen? Vor meinem geistigen Auge erstanden sofort Szenen wie diese:

Bauer: Das esse ich nicht.
Frau: Warum denn nicht?
Bauer: Das ist Teufelszeug.
Frau: Aber Liebchen, das wächst doch bei uns im Garten.
Bauer: Sag ich ja. Hexenkram! (siehe auch wieder oben, Bild 4)
Frau: [schweigt]
Mann: Ich will was Ordentliches zu Essen haben! Kartoffeln! Erdäpfel!
Frau: Das sind auch Äpfel, Liebchen, das sind Paradiesäpfel.
Bauer: [sieht seine Frau an]
Frau: Das sind Liebesäpfel.
Bauer: Liebesäpfel esse ich. [isst] O, die sind gut. [schmatzt] Hm, die sind lecker.
Frau: Morgen kannst du noch mehr davon bekommen.
Mann: Ich will jetzt mehr!

Ich glaube, einiges spräche für diese Theorie.

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