Nicht jede Szene schafft es in ein Buch. Oft liegt das gar nicht an der Szene selbst.

Manche Szenen sind wunderschön, aber am Ende entscheidet man sich trotzdem gegen sie. Vielleicht passte die Szene nicht so gut zu den anderen Szenen im Buch. Vielleicht war die Szene auch einfach zu lang. Man weiß es nicht. Wahr ist nur, dass jeder Autor eine Müllhalde anlegt, einen Giftschrank, in welchem er oder sie die unbenutzten Szenen verstaut.

Auch für „Berlin, Meyerbeer 26“ gibt es solche unbenutzten Szenen.
Diese hier habe ich besonders gern.

***

DAS RHEINISCHE FUSSBALLPROBLEM

So kam es, dass ich mich regelmäßig mit Herrn Nelles traf. Am Anfang trafen wir uns fast jede Woche, später dann nur noch einmal im Monat. Am Anfang hatte Herr Nelles ja noch viel über unser Haus zu lernen. Und ich über Herrn Nelles.

Schon eine Woche nach unserem ersten Gespräch sitze ich also wieder in seiner Wohnung. Herr Nelles will mir das rheinische Fußballproblem erläutern.

Er sieht sich um, räuspert sich und sagt: „Sie müssen wissen, Josefine, ich bin seit vielen Jahren eingefleischter Anhänger von… Fortuna Düsseldorf.“
Bei den Worten „Fortuna Düsseldorf“ senkt Herr Nelles seine Stimme erheblich. „Und das ist ein Problem“.

„Was ist denn das für ein Problem?“ frage ich. „Das ist doch auch eine Mannschaft aus dem Rheinland?“
„Rheinland ist nicht gleich Rheinland, Josefine“, sagt Herr Nelles. „Ganz und gar nicht. Sie glauben ja nicht, was es in unserer Familie deswegen schon für Auseinandersetzungen gegeben hat.“
„Und worin besteht das Problem konkret?“ frage ich.
„Das Problem besteht darin, dass ich aus Euskirchen bin, in Bonn wohne und eine Kölner Frau habe. Und damit einen Kölner Schwiegervater.“

„Und Ihr Kölner Schwiegervater möchte, dass Sie dem 1. FC Köln anhängen?“
„Nein, ach wo!“ ruft Herr Nelles. „Jeder Mannschaft, sagt mein Schwiegervater. Jeder gottverdammten Mannschaft im gottverdammten Rheinland außer Fortuna Düsseldorf, so drückt er sich aus. Als er von meiner Neigung zu Fortuna Düsseldorf erfahren hat, damals, wollte er seiner Tochter sogar die Heirat mit mir verbieten.“
„Du meine Güte!“ sage ich.

Köln und Düsseldorf

Zwischen den beiden rheinischen Städten Köln und Düsseldorf besteht eine traditionelle Hassliebe. Die Kölner glauben, dass Düsseldorf eine sehr provinzielle und langweilige „Schickimicki-Stadt“ sei. Die Düsseldorfer glauben dagegen, dass ihre Stadt sehr viel feiner und kultivierter sei als Köln. Düsseldorf ist mit rund 580.000 Einwohnern die Landeshauptstadt des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, eine Tatsache, die die Kölner (Köln ist doppelt so groß) seit jeher kränkt. Aber die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf hat noch weitere Facetten. Neben verschiedenen Karnevalsrufen (Düsseldorf: „Helau“, Köln: „Alaaf“) werden auch sportliche Rivalitäten gepflegt, beispielsweise im Eishockey (DEG Metro Stars, Kölner Haie) und im Fußball (Fortuna Düsseldorf, 1. FC Köln). Heutzutage wichtigster Streitpunkt ist jedoch das Bier. In den Städten wird unterschiedliches Bier getrunken – in Düsseldorf ein dunkles Altbier, in Köln das helle Kölsch. Um diese Biersorten streiten die Einwohner beider Städte mit ganz besonderer Vorliebe.

„Ja“, sagt Herr Nelles. „Du meine Güte! Ich habe das damals auch für einen Witz gehalten. War es aber nicht. In Euskirchen habe ich als Kind im Verein Fußball gespielt.

Wahrscheinlich wäre ich, wie alle anderen, einfach Fan des Bonner SC geblieben, wenn uns nicht eines Tages mein Onkel Achim besucht hätte. Ich war damals gerade 18 Jahre alt und Abiturient. Mein Onkel Achim strahlte über beide Wangen und drückte mir zwei Eintrittskarten in die Hand. Für das Rheinstadion! Für Fortuna Düsseldorf!

Das Rheinstadion war damals gerade im Umbau begriffen, müssen Sie wissen. Mein Onkel, ein Ingenieur, war an der Errichtung einer modernen neuen Flutlichtanlage beteiligt. Jetzt, so sagte er, sei die Fußballmannschaft gerade in das neue Rheinstadion umgezogen. Als Dank für seine gute Arbeit bekäme er Freikarten. Also gingen wir zu Fortuna. Ich fand das neue Stadion herrlich. Die Mannschaft war sehr erfolgreich damals. Gerade in diesem Jahr wurden wir gleich dritte in der Bundesliga. Dritte! Das muss man sich heute mal vorstellen.“

„Interessant“, sage ich. „Sehr interessant ist das für mich, Herr Nelles. Ich habe vom Rheinland überhaupt keine Ahnung!“
„Wie sollten Sie auch“, sagt Herr Nelles. „Ich habe von Ostdeutschland ja auch keine Ahnung. Nicht die geringste!“
Er lacht.

„Und so sind Sie Anhänger von Fortuna Düsseldorf geworden?“, frage ich.
„Ja“, sagt Herr Nelles. „Mein Onkel Achim hat mich oft ins Stadion mitgenommen. Zum Fußball. Aber auch hinter die Kulissen. In die Kabinen. Ich fühlte mich sehr privilegiert. Wir hatten eine wirklich gute Zeit. Als ich im Studium dann mit 25 Jahren meine Frau Annegret kennenlernte, ergab sich das Rheinische Fußballproblem. Mit ihrem Vater.“
„Einem Anhänger des 1. FC Köln.“

„Einem Anhänger?“ Herr Nelles lacht. „Nein, das ist wohl zu gelinde ausgedrückt. Mein Schwiegervater war selbst aktiver Fußballer! Er hat in den 50er Jahren beim 1. FC Köln gespielt. In der Anfangszeit. Verstehen Sie? Damals hieß das Oberliga West, wo sie spielten. Das war vor der Bundesliga. Der FC ist sein Leben.“
„O je“, sage ich.
„Jetzt haben Sie das Problem erkannt“, sagt Herr Nelles.

„Annegret fand es immer toll, dass ich nicht auch Anhänger des FC war, wie so viele andere Studenten in Köln. Vielleicht hat sie sich sogar ein wenig deswegen in mich verliebt. Sie hatte genug von Rot-Weiß. Es war zu viel bei ihnen zu Hause. Sie fand meine etwas mildere und technisch ausgeprägte Liebe für die Flutlichtanlage des Rheinstadions sehr schön.“

„Und Ihr Schwiegervater?“, frage ich.
„Riesenkrach!“, sagt Herr Nelles, „Riesenkrach damals, dann jahrelanges Schweigen. Als später die Enkelkinder kamen wieder sanfte Annäherung, jetzt friedliche Koexistenz. Wir vermeiden das Thema.“
„Ein rheinisches Fußballproblem“, sage ich.
„Und jetzt wäre ich auf Ihre ostdeutschen Fußballprobleme gespannt“, sagt Herr Nelles. „Hier ist doch auch ein Stadion in der Nähe?“
Ich winke ab.
„Ein andermal“, sage ich. „Ein andermal unterhalten wir uns mit Prof. Hübner darüber, wenn sie möchten. Das sind keine erfreulichen Kapitel.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, sagt Herr Nelles. „Es gibt nicht so viele erfreuliche Kapitel bei Ihnen hier im Osten.“

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