Vergangene Woche habe ich Post bekommen. Nette Post von Schülern der Escuela Oficial de Idiomas Santa Lucía auf Gran Canaria.
Das ist die Schule:

Nur, um einen Eindruck zu bekommen, von welchem Ort wir hier reden. Ich finde es schon einmal sehr bewundernswert, dass sich Schüler in einer solch schönen Umgebung hinsetzen und ausgerechnet deutsche Bücher lesen! Ich weiß nicht, ob ich das an ihrer Stelle auch tun würde. Aber das ist eine andere Frage.

Sehr geehrte Frau Nause,

schreiben die Schüler,

zuerst möchten wir wissen, ob die Personen real sind, und ob es etwas Autobiographisches in diesem Buch gibt.

Die Frage nach Dichtung und Wahrheit wird mir öfter einmal gestellt. Es ist ja auch eine sehr interessante Frage. Etwa danach, ob es Vorlagen für die Personen gibt, zum Beispiel für Frau Zebunke.

Dieses Foto hat eine Leserin aus Madrid von unserem Straßenschild gemacht. Sie war über Ostern in Berlin und hat das Komponistenviertel und den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee besucht. Wie mag sie sich gefühlt haben, als sie gesehen hat, dass das Haus in der Meyerbeerstraße, Nummer 26, ganz anders aussieht als im Buch?

Dichtung:

und Wahrheit:

Natürlich ist vieles an dem Buch wahr. Es gibt all diese Schauplätze in Wirklichkeit, genau so, wie sie im Buch beschrieben sind: das Komponistenviertel, die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, das Säuglings- und Kinderkrankenhaus (noch immer eine traurige Ruine), die israelitische Taubstummen-Anstalt in der Parkstraße, das Grab von Meyerbeer auf dem jüdischen Friedhof Schönhauser Allee und – natürlich – den großen jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee, den meine Leserin hier festgehalten hat:

All das ist wahr. All das ist … real.

Aber die Personen in meinem Buch — die Figuren also — sie sind es nicht. So viel kann ich verraten. Keine dieser Personen existiert wirklich oder hat wirklich existiert. Ich kenne keine alte Dame, die meiner Frau Zebunke ähnelt. Ich kenne keinen Beamten bei der Bundesregierung,

(die hier als „Herr Nelles“ abgebildete Person ist Universitätsprofessor in Castilla-La Mancha),
ich kenne keinen Stimmenimitator und keine Blumenbinderin. Auch keine Friseuse. Der Figurenkosmos entspringt allein meiner Phantasie. Und meinem Wunschdenken.

Das ist in der Tat ein ganz wichtiger Aspekt beim Schreiben. Dass sich der Autor dabei eine Welt schafft, die er möchte (oder nicht möchte). Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ich hätte also sehr gern eine Frau wie Frau Zebunke gekannt. Das stimmt. Ich hätte so eine alte Dame gerne als Großmutter gehabt! Hatte ich aber nicht.

Insofern ist an diesem Buch sehr wenig autobiographisch. Eigentlich nur, dass ich aus Berlin bin. Und dass ich einen spanischen Freund hatte. Ich habe nie im Komponistenviertel gewohnt, und ich kenne auch niemanden, der dort wohnt. Oder der auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee spazierengeht.

Das Haus in der Meyerbeerstraße, Nummer 26, steht leer. Es sollte sofort klar werden, dass es in diesem Haus gar keine Hausgemeinschaft wie die von mir beschriebene geben kann.

Glauben Sie, dass so eine Beziehung unter den Nachbarn in einer Großstadt möglich ist?,

fragen die Schüler.

Ist sie nicht vielleicht etwas utopisch?

Ja, liebe Kursteilnehmer an der EOI Santa Lucía auf Gran Canaria, die ihr unter Palmen und blauem Himmel ausgerechnet Deutsch lernt — ich glaube auch, dass es vielleicht etwas utopisch ist. Ich habe eine solche Hausgemeinschaft, wie ich sie in der Meyerbeer 26 erfunden habe, bislang selbst nicht kennengelernt. Vielleicht ist eine solche Nachbarschaft unmöglich.

Aber ich wünschte, es gäbe sie.
Ich wünschte, es gäbe eine Frau Zebunke. Und ich wünschte, es gäbe eine Josefine.

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