Ich habe die Kopfhörer schon aufgesetzt. Das Buch halte ich in beiden Händen, zwischen mir und dem Buch steht das Mikrophon.

Ich schaue aber nicht auf das Mikrophon, ich schaue auf ein schwarzes rundes Gitter, das vor dem Mikrophon hängt.
„Damit es nicht popt“, sagt der Alaska.
Alaska Winter ist der Tontechniker, bei dem wir die Meyerbeer aufnehmen. Ich bin bereit. Es soll nicht poppen. Es soll schön klingen.
Ich warte.
„Wir sind soweit, wenn du es bist“, sagt Alska über die Kopfhörer.

„Ich bin soweit“, sage ich.
„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska.
Mein Herz schlägt einmal höher. Ich warte noch drei Sekunden. Dann beginne ich zu lesen.

An einem Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr klingle ich bei Frau Zebunke. Trrrrr, trrrrr macht die neumodische Klingel. Ich höre, wie Frau Zebunke zur Tür humpelt. Sie schaut durch den Spion, dann öffnet sie die Tür.

„Uuuund … das machen wir gleich noch einmal“, sagt Alaska. „Jetzt hast du den Ton, jetzt bist du drin.“
Das hat er vorher schon mindestens acht Mal gesagt, bei allen acht Kapiteln, die ich vorher gelesen habe. Ich benötige immer ein paar Sätze, einen Absatz, manchmal auch zwei Absätze, bis ich wieder richtig drin bin. Ich weiß nicht, wieso das so ist.

„OK“, sage ich.
„Uuuund … bitte“, haucht Alaska.

Sie schaut durch den Spion, dann öffnet sie die Tür. „Ja, die Josefine! So ein Zufall! Wie geht’s, wie steht’s?“
Ich sage: „Sehr gut, danke! Und wie geht es Ihnen, Frau Zebunke?“

„Jetzt bist du zu hoch bei der Frau Zebunke“, sagt Alaska im Kopfhörer.
„Vorhin war das besser“, sagt meine Freundin im Hintergrund.
„Gleich nochmal“, sagt der Alaska.

Ich atme aus. Natürlich bin ich keine professionelle Sprecherin, schon gar keine Schauspielerin. Verschiedene Figuren durch verschiedene Stimmlagen kenntlich zu machen, fällt mir schwer.
Aber ich sage nichts. Ich lächle. Vor dem Mikrophon muss man vor allem eines: lächeln. Das habe ich als erstes gelernt. Immer lächeln! Also lächle ich eisern.

„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska sanft.
Ich beginne wieder von vorn.

Als ich zu Ende gelesen habe, ist Stille im Kopfhörer. Meine Freundin und Alaska unterhalten sich draußen im Regieraum, ohne dass ich sie hören kann. Was mögen sie sagen?

„Ja? Ich höre nichts?“, sage ich endlich.
„Klasse“, sagt Alaska.
„Wirklich schön“, sagt meine Freundin.
„Nur ein paar Kleinigkeiten“, sagt Alaska.
„Einige kleine Anmerkungen“, sagt meine Freundin.

„Es geht um Frau Zebunkes Standuhr“, sagt Alaska. „Das tick-tock, das hast du sehr schön gelesen. Aber das dong-dong-dong, das hat uns nicht gefallen.“
„Das müsste viel tiefer sein“, sagt meine Freundin.
„Und abgesetzt“, sagt Alaska.
„Nicht abgesetzt“, sagt meine Freundin, „aber anders. Jedenfalls nicht so.“

Ich lächle.

„Setz einfach bei Außerdem schlägt… ein“, sagt der Alaska.
„OK“, sage ich.
„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska.

Außerdem schlägt sie zu den vollen Stunden die Uhrzeit. Dong-dong-dong. Drei Uhr. Oder dong-dong-dong-dong-dong. Fünf Uhr.

„Das war jetzt zu schnell“, sagt Alaska.
„Vorhin hast du mehr gesungen„, sagt meine Freundin.

Ich lächle.

Dann machen wir noch eine Aufnahme von dieser Stelle. Jetzt sind die beiden im Regieraum zufrieden. Was ich diesmal anders gemacht habe, weiß ich nicht. Aber man selbst hört sich ja nicht so gut. Die beiden hören mich besser, als ich mich selbst höre. Und wenn sie zufrieden sind, dann bin ich es.

Wir haben am 28. und 29. Juli in Augsburg vierzehn Unterkapitel aufgenommen, darunter die Teile „Unser Haus“, „Anni Zebunke“ und „Das Fest“.
Es hat großen Spaß gemacht.

Ich habe mich bei Alaska zu bedanken. Er schreibt, dass er nächste Woche mit der Postproduktion unserer Aufnahmen beginnen wird. Dann setzt er sich vor seine Bildschirme und schneidet die verschiedenen Versionen zusammen, so dass die beste aller möglichen Aufnahmen entsteht.

Ich finde seine Arbeit bewundernswert.
Ich finde auch das Studio in Augsburg bewundernswert! Dort steht dieses Gerät:

Eines der letzten seiner Generation.

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Links:
Alaska Winter: www.popunddiewelt.de/
Audiobooking: www.audiobooking.de/audiobooking/audiobooking.html

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