Das hatten sich die Studenten an der Universität Pablo de Olavide in Sevilla auch anders vorgestellt! Freitagnachmittag vor den Ferien –auf sie wartete eine wunderbare, verlockend bunte Feria-Woche– und die Dozentin für Deutsch hatte nichts Besseres zu tun, als eine außerplanmäßige Veranstaltung auf den Plan zu setzen: eine Lesung! Auf Deutsch natürlich!

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Grrrmpf.

Während sich Freunde und Kommilitonen draußen in der Aprilsonne bereits auf das bevorstehende Vergnügen einstimmen, sitzen diese Studenten hier im neugebauten Edificio 45 auf dem UPO-Campus und müssen mir zuhören.

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© FÜR ALLE BILDER: Annika Herrmann, UPO Sevilla

Ich habe Mitleid. Ich erzähle den Studenten von Josefine, die in Berlin-Weißensee wohnt. Ich erzähle den Studenten von einem geheimnisvollen Geräusch, das Josefine nachts in ihrem Haus hört. Und dann suchen geht. Sie kennen die Geschichte ja.

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Aber wie das eben so ist, wenn man etwas sucht: Man findet es nicht. Und wer kennt das nicht? Man sucht und sucht, aber das, was man sucht, bleibt ganz und gar unauffindbar.

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Besonders schlimm ist es, wenn man gerade aufgeräumt hat. Vorher lag das eine oder andere Ding (provisorisch, na und?) an diesem oder jenem Platz. Man wusste es ganz genau! Das Ding gehörte dort vielleicht nicht hin. Aber man wusste ja, wo es lag. Dann hat man sich ein Herz gefasst und aufgeräumt. Und jetzt? Nichts lässt sich mehr finden, nichts!

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Aber… sagen Sie, aber das stimmt ja nicht ganz. Manchmal findet man Dinge doch auch wieder! Ja, sage ich, das stimmt. Man findet Dinge wieder. Aber findet man nicht immer genau das, was man eigentlich gar nicht gesucht hat?

Ich weiß nicht, wie es den Studenten in Sevilla damit ging. Sie suchten Antworten auf einige Fragen. Mit welcher der Figuren im Buch ich mich am meisten identifizieren würde. Welche der Figuren im Buch mir am nächsten sei. Ob man zugleich als Übersetzer und als Autor arbeiten könne.

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Fragen, die mir noch nie jemand gestellt hatte! Ob die Studenten Antworten gefunden haben auf ihre Fragen? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Ich hoffe, sie tanzen mit ihrer Lehrerin inzwischen Sevillanas und haben Josefine für den Moment vergessen.

Ich jedenfalls, ich habe in Sevilla etwas gefunden, nach dem ich nicht gesucht hatte.

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Ob es eine Fortsetzung des Buches geben würde, fragte mich eine liebe Leserin. „Man leidet so mit Frau Zebunke“, sagte sie. „Man würde gerne etwas mehr erfahren, über Frau Zebunke und Josefine und darüber, wie es weitergeht.“

Auf der Rückfahrt nach Madrid hat mich dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Ich hatte ihn noch nie gedacht, ich hatte ihn wirklich gar nicht gesucht! Und trotzdem: plötzlich lag er auf meiner Hand. Gewissermaßen. Mitten da. Und plötzlich hatte ich ihn… gefunden.

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