Frisch auf den Tisch

Seit zwei Monaten versuche ich, ein Romanmanuskript an den Mann oder die Frau zu bringen. In Deutschland! Puh! Das ist nicht einfach!

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Zuerst, im Oktober letztes Jahr, habe ich das Buch zwei Vertrauenslesern gegeben. Beide fanden das Manuskript aber doch schön und gut zu lesen. Also schöpfte ich Mut und zog weitere Leser ins Vertrauen. Von ihnen erhielt ich wertvolle Hinweise und Anmerkungen, die ich gewissenhaft in das Manuskript eingearbeitet habe.
Jetzt liegt es also vor. Und braucht einen Verlag.

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Zuerst habe ich das Buch im Dezember vergangenes Jahr an eine Literaturagentin in Berlin geschickt. Sie antwortete mir im Januar, dass sie das Buch zwar sehr schön fand, das Thema aber für nicht vermittelbar hielt. Sie schrieb mir, dass die Verlage das Thema meines Buches nicht mögen! Hm.

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Die zweite Agentin – die elfte Leserin des Manuskripts – war nun die erste, der das Buch erst gar nicht gefallen hat! O je. Ein schwieriges Unterfangen!

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Aber ich glaube, irgendwie wird es schon noch klappen. Irgendwie werden wir das neue Buch schon noch auf den deutschsprachigen Tisch bekommen. Das Manuskript schmort gerade bei einem dritten Agenten, und… o je… soll ich seine Antwort fürchten?

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Nachtrag

Ich habe etwas vergessen. Es gibt nämlich noch eine dritte spanische Erfindung, die mir Hochachtung abringt. Und das sind die Escuelas Oficiales de Idiomas. Sie sind unvergleichlich! Ich kenne sie in keinem anderen Land.

Ich selbst habe in Spanien bereits 18 EEOOIIs besucht, in Barcelona, Madrid, León, Valencia, Pamplona, Oviedo, Córdoba, Bilbao, Getxo, Vitoria, Las Palmas … Wie freundlich bin ich überall aufgenommen worden! Ich war immer ganz begeistert davon, dass es überall in Spanien, in jeder kleineren und größeren Stadt, diese offiziellen Sprachschulen gibt, in denen Menschen – freiwillig und gratis!* – deutsch lernen können. An 300 Schulen im ganzen Land! Das ist fabelhaft.

Ich glaube an die Zukunft der Escuelas Oficiales de Idiomas. Ich werde immer ihr Loblied singen. Ich glaube an ihr Sein und an ihr

EEOOIIs

* Siehe Kommentare …

Von Spanien lernen

In Spanien gibt es zwei Erfindungen, die mich fest an dieses Land gebunden haben und wegen derer ich hier auch – Krise hin oder her! – nicht mehr wegziehen kann.

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Das ist eine der beiden Erfindungen: Ein Tellerschrank über der Spüle, der unten offen ist. Das gibt es in jeder spanischen, aber keiner anderen Küche. Man kann die Teller direkt vom Abwasch, tropfnass, wegräumen.

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Man muss keinen einzigen Teller mehr abtrocknen! Und trotzdem sind die Teller wunderbar. Für mich, die ich das Abtrocknen hasse wie kaum eine andere Hausarbeit, ist dies eine Erfindung des spanischen Himmels.

Die andere sind diese hier:Erf8

Tendederos.

Sie kennt und hat in Spanien jeder: die berühmteste aller Vorrichtungen, um seine Wäsche zu trocknen. Ich kenne keine Wohnung, die keinen Tendedero hätte.

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Ist das nicht herrlich? Die Wäsche ist aus der Wohnung und hängt … hinten raus.

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Überall.

Ah, sagen Sie, ja, das geht im schönen Spanien. Aber bei uns im Norden können wir das doch gar nicht machen!

Falsch, sage ich.
Das ist die falsche Herangehensweise!
Auch bei Regen kann man seine Wäsche draußen aufhängen.

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Im Baskenland habe ich die Krone der Tendedero-Schöpfung kennengelernt. Das Scherflein, das meiner grenzenlosen Bewunderung spanischer Erfindungskunst bislang noch gefehlt hatte: das leuchtend blaue Tendedero-Dach.

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Tja. Von Spanien lernen heißt eben doch: siegen lernen.

Der Kaufmann von Venedig

Deutsche und Spanier passen einfach nicht zusammen.
Haben Sie das noch nicht festgestellt?

Dort (im Norden!) die cabezas cuadradas, die acht von zwölf Monaten bei null Grad Dunkelheit leben und sich dabei auch noch höchst effizient finden.

Hier dagegen die spontanen Lebenskünstler, bei denen um Mitternacht noch immer – vollkommen unbekümmert! – die Sonne scheint.
(Weiß die Sonne es nicht besser?)

Übertreibe ich?
Wohl kaum!

Wie Sie an den beiden Fotos beispielhaft erkennen können, gibt es klare Anzeichen für die grundsätzliche Verschiedenheit unserer Mentalitäten. Der spanischen Mentalität. Und der deutschen Mentalität.
O!
Unsere Wurzeln.
Unsere europäischen Wurzeln. O ja. Das sind dieselben, da haben Sie recht.

No todo lo que brilla es oro. —
Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

So sagt er, der KAUFMANN VON VENEDIG.
So sagt Shakespeare.
Soweit sind wir uns einig.
Doch was machen wir mit dieser Weisheit?

Der effiziente Deutsche interpretiert dieses Sprichwort: dass Werte vergänglich sind. Natürlich! Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Die Oberfläche, sagt sich der Deutsche, das ist nur der schöne Schein! Aber was steckt dahinter? Nichts. Das sagt sich der Deutsche. Jedenfalls: kaum etwas. Keine Tiefe. Und schon gar keine philosophische Tiefe.

Das sind die süßen Werte, die schon in der nächsten Minute nicht mehr vorhanden sind. Zerflossen. Geschmolzen unter der nördlichen Sonne. Verloren. Für immer.

Ganz anders der Spanier!
No todo lo que brillo es oro, sagt er sich. Bodenständige Werte, sagt er sich. Darauf kommt es an. Nicht auf Gold kommt es an. Nein. Auf … sagen wir … Edelstahl!

So kommt es, dass in Deutschland etwa 99,9 Prozent aller Eiscafés „Venezia“ heißen, während es in Spanien – zumindest in Madrid! – zu 98 Prozent  Haushaltswarenläden sind.
Ferreterías.
Allein daran erkennt man doch schon den vagen Charakter dieser Brüder aus dem Süden!

Schauen Sie sich noch einmal den Unterschied an, wenn Sie mir nicht glauben.

Hier deutlich zu erkennen: Schlamperei, Unpünktlichkeit, mediterranes Lebensgefühl. („¡Afilamos cuchillos y tijeras!“)

Ah! Hier dagegen: Ordnung, Effizienz, Pünktlichkeit.

Oder habe ich jetzt alles falsch verstanden,  was uns angeht?
Deutsche und Spanier?

Die Welt von unten

Manchmal interessiert einen Schriftsteller die Frage, wie die Welt für jemanden aussieht, der sich weit unten befindet. In der Gesellschaft, zum Beispiel. Den Schriftsteller interessiert die „Sicht der kleinen Leute“. Damit meint er nicht unbedingt nur: der ärmeren Leute. Er meint auch: der ungebildeten Leute. Oder: der Verlierer. Oder: der Kinder. Dann möchte sich der Schriftsteller in die Lage einer solchen Person versetzen und aus ihrer Sicht die Welt beschreiben. Wegen des damit verbundenen Perspektivwechsels. Weil eine Sicht auf die bodennahen Dinge des Lebens viel Aufschluss geben kann über unsere Welt.
Über das, was wichtig ist.
Und über das, was unwichtig ist.

Betrachte ich mir diese Fotos, die in einer Höhe von etwa einem Meter zwanzig entstanden sind, bekomme ich plötzlich ein Gefühl für diese Perspektive. Eine Perspektive, die ich selbst nicht mehr habe. Viele Dinge darin wirken fremd und ein wenig bedrohlich.

Andere Bilder zeigen ganz klar die Position, die dieser Fotograf im Moment der Aufnahme innegehabt hatte. Offensichtlich hatte er nicht viel zu entscheiden!

Er sitzt wohl immer hinten, und er hat sich im Normalfall dort auch ruhig zu verhalten.

Diesen Menschen interessieren Dinge, die mich niemals interessieren würden. Oder jedenfalls nicht mehr:

Die Welt, von unten betrachtet, scheint eine Welt, die vorwiegend drei Motive kennt: Autos, Füße und Bäuche. Letzteres erspare ich dem Leserkreis.

Die Welt, von unten betrachtet, ist eine Welt, die manchmal aus dem Fokus gerät und in der es sich nicht immer leicht zurechtfinden lässt.

Natürlich ist es auch eine Welt der geheimen Dinge und der kleinen Schätze.

Im Grunde ist es eine literarische Welt, eine literarische Perspektive. Von welcher der Fotograf natürlich keinerlei Ahnung hatte!
Ob er sie je haben wird?

Uuuund … bitte!

Ich habe die Kopfhörer schon aufgesetzt. Das Buch halte ich in beiden Händen, zwischen mir und dem Buch steht das Mikrophon.

Ich schaue aber nicht auf das Mikrophon, ich schaue auf ein schwarzes rundes Gitter, das vor dem Mikrophon hängt.
„Damit es nicht popt“, sagt der Alaska.
Alaska Winter ist der Tontechniker, bei dem wir die Meyerbeer aufnehmen. Ich bin bereit. Es soll nicht poppen. Es soll schön klingen.
Ich warte.
„Wir sind soweit, wenn du es bist“, sagt Alska über die Kopfhörer.

„Ich bin soweit“, sage ich.
„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska.
Mein Herz schlägt einmal höher. Ich warte noch drei Sekunden. Dann beginne ich zu lesen.

An einem Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr klingle ich bei Frau Zebunke. Trrrrr, trrrrr macht die neumodische Klingel. Ich höre, wie Frau Zebunke zur Tür humpelt. Sie schaut durch den Spion, dann öffnet sie die Tür.

„Uuuund … das machen wir gleich noch einmal“, sagt Alaska. „Jetzt hast du den Ton, jetzt bist du drin.“
Das hat er vorher schon mindestens acht Mal gesagt, bei allen acht Kapiteln, die ich vorher gelesen habe. Ich benötige immer ein paar Sätze, einen Absatz, manchmal auch zwei Absätze, bis ich wieder richtig drin bin. Ich weiß nicht, wieso das so ist.

„OK“, sage ich.
„Uuuund … bitte“, haucht Alaska.

Sie schaut durch den Spion, dann öffnet sie die Tür. „Ja, die Josefine! So ein Zufall! Wie geht’s, wie steht’s?“
Ich sage: „Sehr gut, danke! Und wie geht es Ihnen, Frau Zebunke?“

„Jetzt bist du zu hoch bei der Frau Zebunke“, sagt Alaska im Kopfhörer.
„Vorhin war das besser“, sagt meine Freundin im Hintergrund.
„Gleich nochmal“, sagt der Alaska.

Ich atme aus. Natürlich bin ich keine professionelle Sprecherin, schon gar keine Schauspielerin. Verschiedene Figuren durch verschiedene Stimmlagen kenntlich zu machen, fällt mir schwer.
Aber ich sage nichts. Ich lächle. Vor dem Mikrophon muss man vor allem eines: lächeln. Das habe ich als erstes gelernt. Immer lächeln! Also lächle ich eisern.

„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska sanft.
Ich beginne wieder von vorn.

Als ich zu Ende gelesen habe, ist Stille im Kopfhörer. Meine Freundin und Alaska unterhalten sich draußen im Regieraum, ohne dass ich sie hören kann. Was mögen sie sagen?

„Ja? Ich höre nichts?“, sage ich endlich.
„Klasse“, sagt Alaska.
„Wirklich schön“, sagt meine Freundin.
„Nur ein paar Kleinigkeiten“, sagt Alaska.
„Einige kleine Anmerkungen“, sagt meine Freundin.

„Es geht um Frau Zebunkes Standuhr“, sagt Alaska. „Das tick-tock, das hast du sehr schön gelesen. Aber das dong-dong-dong, das hat uns nicht gefallen.“
„Das müsste viel tiefer sein“, sagt meine Freundin.
„Und abgesetzt“, sagt Alaska.
„Nicht abgesetzt“, sagt meine Freundin, „aber anders. Jedenfalls nicht so.“

Ich lächle.

„Setz einfach bei Außerdem schlägt… ein“, sagt der Alaska.
„OK“, sage ich.
„Uuuund … bitte!“, sagt Alaska.

Außerdem schlägt sie zu den vollen Stunden die Uhrzeit. Dong-dong-dong. Drei Uhr. Oder dong-dong-dong-dong-dong. Fünf Uhr.

„Das war jetzt zu schnell“, sagt Alaska.
„Vorhin hast du mehr gesungen„, sagt meine Freundin.

Ich lächle.

Dann machen wir noch eine Aufnahme von dieser Stelle. Jetzt sind die beiden im Regieraum zufrieden. Was ich diesmal anders gemacht habe, weiß ich nicht. Aber man selbst hört sich ja nicht so gut. Die beiden hören mich besser, als ich mich selbst höre. Und wenn sie zufrieden sind, dann bin ich es.

Wir haben am 28. und 29. Juli in Augsburg vierzehn Unterkapitel aufgenommen, darunter die Teile „Unser Haus“, „Anni Zebunke“ und „Das Fest“.
Es hat großen Spaß gemacht.

Ich habe mich bei Alaska zu bedanken. Er schreibt, dass er nächste Woche mit der Postproduktion unserer Aufnahmen beginnen wird. Dann setzt er sich vor seine Bildschirme und schneidet die verschiedenen Versionen zusammen, so dass die beste aller möglichen Aufnahmen entsteht.

Ich finde seine Arbeit bewundernswert.
Ich finde auch das Studio in Augsburg bewundernswert! Dort steht dieses Gerät:

Eines der letzten seiner Generation.

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Links:
Alaska Winter: www.popunddiewelt.de/
Audiobooking: www.audiobooking.de/audiobooking/audiobooking.html

Ich bin ganz Ohr

In anderthalb Wochen ist es endlich soweit: „Berlin, Meyerbeer 26“ goes digital. Nicht als E-Book, nicht als pdf … sondern als Sounddatei.
Ja! Wir nehmen auf.


Foto: pop und die welt

Viele Sprachschüler haben im Verlauf des vergangenen Jahres gefragt, warum das Buch keine CD habe. Hinten drin zum Beispiel. Viele Sprach- und Lektürebücher hätten eine Hör-CD hinten drin. Die „Meyerbeer“ hatte bislang keine.

Jetzt wird sie eine haben.

Wir haben ein Studio in Augsburg gemietet. Am übernächsten Samstag und Sonntag werde ich dort lesen. Nicht das ganze Buch, sondern eine Auswahl. Diese Auswahl habe ich schon getroffen.

Nicht sicher bin ich, ob ich nicht noch ein weiteres Kapitel weglassen muss. Damit die Aufnahme nicht zu lang wird. Ich überlege, ob ich in dem Fall lieber das Kapitel über Sandra Kluge oder lieber das Kapitel über Jutta Gebhardt weglassen soll. Vielleicht gibt es dazu Meinungen? Dann lassen Sie es mich wissen.


Foto: pop und die welt

Wenn es soweit ist, in anderthalb Wochen, werde ich mich wieder bei Ihnen melden. Ich freue mich jedenfalls sehr darauf! Und all denen, die in der Zwischenzeit in den Urlaub fahren: einen schönen Sommer!