Lustige Brüder

Neulich fragte mich ein Bekannter, der den Blogeintrag vom Freitag, dem
13. April, über die Bremer Stadtmusikanten gelesen hatte, warum man eigentlich manchmal „Gebrüder Grimm“ und manchmal „Brüder Grimm“ zu den Sammlern und Autoren der berühmten „Kinder- und Hausmärchen“ sage.

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort! Manchmal sagt man „Brüder Grimm“ und manchmal „Gebrüder Grimm“. So ist es eben!

Allerdings setzt sich heute mehr und mehr die Bezeichnung „Brüder Grimm“ durch. Sie ist moderner. Das Wort „Gebrüder“ ist veraltet.
Ziemlich jedenfalls.

Mit der Vorsilbe Ge- werden sogenannte Kollektiva gebildet. Das hat nichts mit Kollektiv zu tun, sondern es ist ein „sprachlicher Ausdruck, der eine unbestimmte Anzahl gleichartiger Dinge oder Sachverhalte in einer Klasse zusammenfasst.“

Zwei, drei oder vier Brüder können dann also Gebrüder sein.
Oder zwei, drei oder vier Schwestern Geschwister.

Das Deutsche kennt endlose Beispiele für die Bildung von Kollektiva mit der Vorsilbe Ge-.
Zwei, drei oder vier Berge sind zum Beispiel ein Gebirge.
Zwei, drei oder vier Tümpel sind ein Gewässer.
Zwei, drei oder vier Büsche sind ein Gebüsch.
Zwei, drei oder vier Äste sind Gehölz.
Und zwei, drei oder vier Würmer ist Gewürm.

Früher kannte man auch das hübsche Wort Gebübe (viele Buben). Schade, dass wir diese Wörter kaum mehr kennen! In diese Kategorie fallen auch die Kollektiva Gebette (das Bettzeug) und Gedüfte (viele Düfte).

Anderes wiederum ist uns auch heute noch sehr geläufig. Dazu zählen unter anderem die Kollektiva: Gedärm, Gelüst, Gebäck, Gebein, Gerippe, Gestein und Geblüt.

Dagegen mag weniger bekannt sein, dass auch das schöne Wort Gemüse ein Kollektivum ist, denn „mus“ bedeutete früher „Speise“. Oder Geflügel, das auf „Vogel“ und „Flügel“ zurückgeht. Und so fort!

Man könnte nach diesem Muster zahlreiche neue Wörter vorschlagen, warum nicht!
„Ich bin beeindruckt von Deinem Gebuch„, könnte man sagen, wenn man die Bibliothek eines lieben Freundes betritt. Und: „Ich liebe Dein langes Gewimper“ flüstern, wenn man die Freundin in den Arm nimmt. Wenn nicht andere Sachen!
Finden Sie nicht?

(typisches Madrider Gebrill)

Schöne Aussichten

Berlin hat viele Türme. Den Funkturm und den Fernsehturm, den Turm der Gedächtniskirche und die Kuppel des Berliner Doms, das Rote Rathaus und die Piuskirche. Berlin hat Wassertürme, zum Beispiel in Charlottenburg und am Prenzlauer Berg. Und Berlin hat den Müggelturm.

Der Müggelturm steht auf einem 88 m hohen Berg, dem Kleinen Müggelberg. Der Kleine Müggelberg ist Teil einer bewaldeten Hügelkette im Süden von Berlin. Weil Berlin, geographisch gesprochen, sehr platt ist, zählt jede kleine Erhebung als „Berg“. Die bewaldeten Hügel im Süden von Berlin heißen Müggelberge, weil sie sich neben dem Müggelsee erheben. Neben dem Kleinen Müggelberg gibt es dort natürlich auch den Großen Müggelberg – die höchste Erhebung in ganz Berlin (114 m).

Der Müggelturm, von dem hier die Rede sein soll, ist im vergangenen Jahr 50 Jahre alt geworden. Wie es sich gehört, gab es eine große Feier, und viele Berliner, besonders die aus dem Südosten, sind zum Müggelturm gepilgert wie zu einem alten Bekannten.

Sie tun gut daran, ihren alten Bekannten, den Müggelturm, recht häufig zu besuchen. Denn um den Müggeltum herum sieht es heute so aus:

Das benachbarte Gebäude, früher ein Restaurant und sehr beliebtes Ausflugsziel der Ostberliner — verfällt. Wie an so vielen Orten, vor allem im Osten Berlins, verfällt auch hier die Geschichte. Sie rottet leise vor sich hin.

Vielleicht benötigen die Menschen hier einfach kein Restaurant mehr?, könnte man sich fragen. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube, ein Café hätte keine schlechten Chancen auf dem Kleinen Müggelberg.

Nein, es dürfte einmal mehr das Desinteresse der frühen neunziger Jahre gewesen sein. Das Desinteresse der Menschen an den eigenen Sehenswürdigkeiten. Der schnelle Verkauf und die fehlenden Konzepte. Und später dann die Unfähigkeit der Berliner Politiker.

Der erste Müggelturm sah übrigens so aus:

Er brannte am 19. Mai 1958 ab.

Drei Jahre später stand der neue Müggelturm. Der moderne Bau wurde damals von einem Studentenkollektiv der Kunsthochschule Berlin-Weißensee entworfen. Bis 1990 waren Turm und Restaurant bei den Berlinern begehrt, beliebt, geachtet.

1991 wurden der Müggelturm und das Gelände ringsherum von der Treuhandanstalt verkauft, es ging hin und her, und 1995 wurde das Land Berlin schließlich Eigentümer des Geländes. Berlin stellte den Müggelturm und das Restaurant unter Denkmalschutz. Mehr passierte nicht. Die Nutzungskonzepte kamen und gingen, niemand erhielt den Zuschlag. Mehrmals gab es Pläne, ein Hotel daraus zu machen … nichts.

2007 gingen Turm und Gelände an einen Investor aus Krefeld, der in vier Jahren allerdings nicht ein wirklich baufähiges Konzept vorlegen konnte. Woran das liegt, dazu können nur Vermutungen angestellt werden. In Berlin ist heutzutage nichts leicht. Jedenfalls. Anfang 2012 wurde das Gelände wiederum verkauft, diesmal an einen Investor aus Köpenick. Doch nun muss zunächst der „alte“ Kaufvertrag von 2007 rückabgewickelt werden. Mit dem Krefelder. Und das geschieht vor Gericht.

Der Turm … nun, er steht. Ich weiß nicht, ob er auf etwas wartet.
Und Silvana und Frank?
Lieben sie sich noch?
Wer weiß es schon.

Dichtung und Wahrheit

Vergangene Woche habe ich Post bekommen. Nette Post von Schülern der Escuela Oficial de Idiomas Santa Lucía auf Gran Canaria.
Das ist die Schule:

Nur, um einen Eindruck zu bekommen, von welchem Ort wir hier reden. Ich finde es schon einmal sehr bewundernswert, dass sich Schüler in einer solch schönen Umgebung hinsetzen und ausgerechnet deutsche Bücher lesen! Ich weiß nicht, ob ich das an ihrer Stelle auch tun würde. Aber das ist eine andere Frage.

Sehr geehrte Frau Nause,

schreiben die Schüler,

zuerst möchten wir wissen, ob die Personen real sind, und ob es etwas Autobiographisches in diesem Buch gibt.

Die Frage nach Dichtung und Wahrheit wird mir öfter einmal gestellt. Es ist ja auch eine sehr interessante Frage. Etwa danach, ob es Vorlagen für die Personen gibt, zum Beispiel für Frau Zebunke.

Dieses Foto hat eine Leserin aus Madrid von unserem Straßenschild gemacht. Sie war über Ostern in Berlin und hat das Komponistenviertel und den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee besucht. Wie mag sie sich gefühlt haben, als sie gesehen hat, dass das Haus in der Meyerbeerstraße, Nummer 26, ganz anders aussieht als im Buch?

Dichtung:

und Wahrheit:

Natürlich ist vieles an dem Buch wahr. Es gibt all diese Schauplätze in Wirklichkeit, genau so, wie sie im Buch beschrieben sind: das Komponistenviertel, die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, das Säuglings- und Kinderkrankenhaus (noch immer eine traurige Ruine), die israelitische Taubstummen-Anstalt in der Parkstraße, das Grab von Meyerbeer auf dem jüdischen Friedhof Schönhauser Allee und – natürlich – den großen jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee, den meine Leserin hier festgehalten hat:

All das ist wahr. All das ist … real.

Aber die Personen in meinem Buch — die Figuren also — sie sind es nicht. So viel kann ich verraten. Keine dieser Personen existiert wirklich oder hat wirklich existiert. Ich kenne keine alte Dame, die meiner Frau Zebunke ähnelt. Ich kenne keinen Beamten bei der Bundesregierung,

(die hier als „Herr Nelles“ abgebildete Person ist Universitätsprofessor in Castilla-La Mancha),
ich kenne keinen Stimmenimitator und keine Blumenbinderin. Auch keine Friseuse. Der Figurenkosmos entspringt allein meiner Phantasie. Und meinem Wunschdenken.

Das ist in der Tat ein ganz wichtiger Aspekt beim Schreiben. Dass sich der Autor dabei eine Welt schafft, die er möchte (oder nicht möchte). Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ich hätte also sehr gern eine Frau wie Frau Zebunke gekannt. Das stimmt. Ich hätte so eine alte Dame gerne als Großmutter gehabt! Hatte ich aber nicht.

Insofern ist an diesem Buch sehr wenig autobiographisch. Eigentlich nur, dass ich aus Berlin bin. Und dass ich einen spanischen Freund hatte. Ich habe nie im Komponistenviertel gewohnt, und ich kenne auch niemanden, der dort wohnt. Oder der auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee spazierengeht.

Das Haus in der Meyerbeerstraße, Nummer 26, steht leer. Es sollte sofort klar werden, dass es in diesem Haus gar keine Hausgemeinschaft wie die von mir beschriebene geben kann.

Glauben Sie, dass so eine Beziehung unter den Nachbarn in einer Großstadt möglich ist?,

fragen die Schüler.

Ist sie nicht vielleicht etwas utopisch?

Ja, liebe Kursteilnehmer an der EOI Santa Lucía auf Gran Canaria, die ihr unter Palmen und blauem Himmel ausgerechnet Deutsch lernt — ich glaube auch, dass es vielleicht etwas utopisch ist. Ich habe eine solche Hausgemeinschaft, wie ich sie in der Meyerbeer 26 erfunden habe, bislang selbst nicht kennengelernt. Vielleicht ist eine solche Nachbarschaft unmöglich.

Aber ich wünschte, es gäbe sie.
Ich wünschte, es gäbe eine Frau Zebunke. Und ich wünschte, es gäbe eine Josefine.

Ich möchte ein Esel sein

Am 20. Dezember 1812 erschien in Deutschland ein sehr wichtiges Buch. Leider verkaufte es sich zuerst gar nicht gut.

Bei diesem Buch handelt es sich um die berühmten „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm. Die erste Auflage der Märchen war den Gebrüdern Grimm ein wenig zu deftig geraten, wenig niedlich und viel zu … grimmig, sozusagen.

1819 und 1825 erschienen wichtige Neuauflagen der Sammlung, in denen die Märchen nun um vieles „kindgerechter“ waren.

Dennoch begehen die Deutschen der Erstauflage Ende 1812 wegen in den Jahren 2012 und 2013 zwei wichtige „Grimm-Jahre“. Mit vielen Veranstaltungen feiern sie die Gebrüder Grimm und die Märchen, die diese für die Nachwelt gesammelt und bearbeitet haben.

In den „Kinder- und Hausmärchen“ gibt es viele wundervolle Erzählungen. Eine davon ist das Märchen der „Bremer Stadtmusikanten„. Es findet sich erst ab der zweiten Auflage 1819.

Als Kind habe ich dieses Märchen weniger gut verstanden. Heute scheint mir alles glasklar!

Ein alter Esel, ein armer Hund, eine lahme Katze, ein greiser Hahn. Ihren Herren bringen diese Tiere keinen Nutzen mehr. Mehr zufällig schließen sie sich zusammen und begeben sich auf den Weg nach Bremen.

Dort wollen sie Stadtmusikanten werden. Straßenmusiker, sagen wir heute. Sie werden dennoch nie in Bremen ankommen. Gleich in der ersten Nacht treffen die Tiere auf ein Haus im Wald.

Drinnen im Warmen sitzen – natürlich! – einige Räuber. Und wie man es so macht mit Räubern, wenn man klug ist: man sinnt darauf, sie zu vertreiben. Genug bereichert! Her mit den zu Unrecht angehäuften Schätzen!

Das ist den unedlen Räubern zuviel. Sie fliehen und hinterlassen ihre Schätze den Tieren, die sich bei Tisch auch viel besser zu benehmen wissen.

Selbst ein konterrevolutionärer Versuch der Räuber, das Haus später zurückzuerobern, wird schlau vereitelt.

Sie haben auch wirklich nichts besseres verdient, diese Räuber! Man möchte doch gern so ein Esel sein, oder nicht?

Detrás del muro hay sol

In Spanien hat der Frühling begonnen, la primavera. Die Sonne scheint und es ist warm. Die Menschen sitzen in Parks, Gärten und Cafés und freuen sich darüber.

Ich freue mich auch darüber. Denn im Grunde sitze ich ebenfalls gerne in Parks, Gärten und Cafés und freue mich über la primavera. Über den Frühling.

Ganz besonders habe ich mich am vergangenen Montag darüber gefreut. Dass draußen so schönes Wetter war! Auch ich saß im Park und habe die Sonne genossen.

Zuvor hatte ich mir allerdings die „Sala Sorolla“ im Museu de Belles Arts de València angesehen. Und da ich nun schon mal dort drinnen war, und die Sonne draußen auch in einer Stunde noch scheinen würde, habe ich mir auch den Rest des Museums angesehen.

Aber wie Sie sehen können, sehen Sie … nichts! Die Bilder sind natürlich alle da. Das eine oder andere mag auf Reisen sein, aber im Grunde sind alle Bilder da. Und doch fehlt etwas.

Ja, die Besucher fehlen! Natürlich! Die Menschen! Die Touristen, die sich für die Bilder im Museu de Belles Arts interessieren könnten!
Wo sind diese Menschen alle?
Auf den fallas?

Gut, sagte ich mir.
Ich verstehe das!
Hier im Museum gibt es nur alte Kunst, aber draußen scheint die Sonne so schön!

Vielleicht sah es ja in der Abteilung der modernen Kunst anders aus? Detrás del muro hay sol. Also eilte ich entschlossen in die entsprechenden Räume.

Aber auch hier: gähnende Leere.

Die Bilder sind … allein. Allein mit ihrer Geschichte, ihrer Schönheit. Allein mit sich und der Museumsluft. Hinter der Mauer gibt es keine Sonne, hier gibt es nichts und niemanden! Nur Einsamkeit.

Und in Spanien hat der Frühling begonnen.

Der Traum der Vorstadt

Es war einmal ein Traum. Dieser Traum handelte davon, dass alle Menschen in neuen und modernen Wohnungen leben könnten und keiner mehr in alten, verfallenen Löchern hausen müsste.

Man träumte diesen Traum überall. Und schon seit langem.

Die Menschen lieben ihn noch immer über alles: ihren Traum von der Vorstadt.
Manchmal ist er bunt,

manchmal weiß,

aber immer geradlinig und kanalisiert.

***

Auch das Komponistenviertel in Berlin-Weißensee war einmal eine Vorstadt. Und auch hier war zuerst ein Spekulant am Werk. Ein Bodenspekulant. Der Hamburger Kaufmann Gustav Adolf Schön kaufte 1872 ein ganzes Rittergut in Weißensee, damals vor den Toren der Stadt. Er hatte den richtigen Riecher gehabt, wie man sagt, er hatte es also gewusst, denn schon bald begannen andere Spekulanten und Bauherren, sich für den neuen Grund und Boden im Osten Berlins zu interessieren. Gustav Adolf Schön konnte all seinen Besitz gewinnbringend an verschiedene neue Eigentümer verkaufen, die damit begannen, Fabriken und Wohnhäuser zu errichten.

Zwischen 1872 und 1880 stieg die Einwohnerzahl in Weißensee von 169 auf 3.688 und damit auf mehr als das Zwanzigfache an. In die vierstöckigen Wohnhäuser, die im heutigen Komponistenviertel errichtet wurden, und die zunächst keinen Wasser- oder Gasanschluss hatten, zogen hauptsächlich Arbeiter aus den preußischen Ostprovinzen.

Den Traum der Vorstadt haben die Menschen immer noch. Die Häuser aber, sie sind hässlicher geworden.

Was werden wir mit ihnen tun? Was werden unsere Nachfahren einmal mit unseren Bausünden tun, mit unserem Traum, der uns heute stellenweise wie ein Alptraum verfolgt?

Im spanischen Städtchen Logroño gab es in dieser Woche einen schönen Ansatz dazu:

Wir ändern nicht die moderne Infrastruktur, die uns umgibt, schlägt diese Installation vor. Sondern wir ändern unsere Perspektive darauf!

Dazu sagen wir:

und:

 

„Danke“ sage ich den Sprachschülerinnen und Sprachschülern der Escuela Oficial de Idiomas „Fuero de Logroño“, die sich am Dienstag sehr diszipliniert und interessiert eine Lesung zur „Meyerbeer“ angehört haben.

Und Vorsicht! Ich bin auf Tour,

und habe meine kleine Kamera immer griffbereit. Wenn Sie mich sehen, bleibt Ihnen nur eines:
LÄCHELN!

Ewig

Ewig währt … nichts auf dieser Welt. Nicht einmal ein so berühmtes Bauwerk wie das heutige Konzerthaus Berlin, 1821 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel gebaut; nicht einmal der vor dem Konzerthaus so schön gelegene Gendarmenmarkt.

Zuerst, als in der Berliner Friedrichstadt im Jahr 1688 der „Linden-Markt“ angelegt wurde, gab es auf diesem Platz – etwa so groß wie viereinhalb Fußballfelder – gar nichts. Gar nichts … das war schon damals nicht gut. Daher entstanden 1701 zwei Kirchen: auf der einen Seite des Platzes der Deutsche Dom, auf der anderen Seite der Französische Dom. Der Französische Dom war für die vielen französischen Einwanderer gedacht, die sich hier in Berlin angesiedelt hatten.

Von 1700 bis 1796 hieß der Markt mit den beiden Kirchen dann abwechselnd „Mittelmarkt“, „Friedrichstädtischer Markt“ und „Neuer Markt“. In dieser Zeit wurden zwischen dem Deutschen und dem Französischen Dom Stallungen gebaut: Ställe und Unterkünfte für eines der preußischen Kürassierregimenter. Ein Kürassier sah etwa so aus:

Man nannte sie auch „gens d’armes“, weswegen der Platz seit 1799 Gendarmenmarkt hieß.

Doch bereits 1773 hatte Friedrich II. die Stallungen wieder abreißen und an die Stelle ein kleines französisches Komödientheater bauen lassen. Daraus wurde zwischen 1800 und 1802 ein großes Nationaltheater, das 1817 niederbrannte.

Dann trat Schinkel auf den Plan. Er baute an dieser Stelle das königliche Schauspielhaus, und da hier viel Theater gespielt wurde, hieß der Platz vor dem Schauspielhaus 1871 bis 1936 „Schillerplatz“, dann – während des Nationalsozialismus – wieder „Gendarmenmarkt“. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah der Platz so aus:

Als 1950 – gegenüber der Ruine des Schauspielhauses – die Akademie der Wissenschaften wiedereröffnet wurde, benannte die DDR den untergegangenen Gendarmenmarkt kurzerhand in „Platz der Akademie“ um.

Zwischen 1979 und 1984 wurde das Schauspielhaus wieder aufgebaut.

Außen an der Fassade folgte man den Plänen Schinkels, innen konzipierte man neu: aus dem Theater wurde ein Konzerthaus mit zwei Konzertsälen und einem Musikklub.

Als Jugendliche fuhr ich also immer an den „Platz der Akademie“, um im dortigen Schauspielhaus ein klassisches Konzert zu hören. Die Akademie der Wissenschaften befand sich gegenüber, an der Ecke Otto-Nuschke- / Wilhelm-Külz-Straße.

Aber 1991 wurde noch einmal alles anders.

1991 erhielt der Platz vor dem Schauspielhaus zuerst einen seiner älteren Namen wieder: Gendarmenmarkt. Dann ging es an die Straßenumbenennungen: aus der Otto-Nuschke-Straße wurde die Jägerstraße, aus der Wilhelm-Külz-Straße die Markgrafenstraße. Obwohl man weder gegen Otto Nuschke noch gegen Wilhelm Külz wirklich etwas einwenden könnte!

Auch das Schauspielhaus wurde umbenannt, warum, das weiß kein Mensch. Vielleicht, weil man gerade so schön am Umbenennen war? Seit 1998 heißt also das Schauspielhaus nun Konzerthaus Berlin.

Wie schon gesagt: nichts währt ewig. Auch ich werde lernen, das Schauspielhaus Konzerthaus zu nennen. Auch ich werde lernen, den Ostbahnhof, den ich erst jahrelang Hauptbahnhof nennen musste, jetzt wieder Ostbahnhof zu heißen. Alles klar!

Nur diesem jungen Paar auf dem ewig sich wandelnden Gendarmenmarkt, diesem jungen Paar wünsche ich Glück.

Möge es ewig währen!

Gendarmenmarkt

Nicht jede Szene schafft es in ein Buch … Sie erinnern sich. Director’s Cut. Auch die folgende Szene hat es nicht in das Buch geschafft. Obwohl ich diese Szene anfangs sehr schön fand! Später fand ich sie auch noch sehr schön.
Sehr schön, aber sehr … irrelevant.
Daher steht sie nicht im Buch.

Murr

„Wie heißt eigentlich Ihre Katze, Herr Hübner?“, frage ich, als ich wieder ein leises Maunzen höre.
„Meine Katze?“ Herr Hübner sieht mich lange an. „Ach so! Mein Kater! Der heißt Murr“, sagt er schließlich.
„Murr?“ frage ich, etwas perplex.
„Genau“, sagt Herr Hübner.

Der Kater Murr
ist die Hauptfigur des Romans „Lebens-Ansichten des Katers Murr“, den der deutsche Schriftsteller E.T.A. Hoffmann 1819-21 veröffentlichte. In dem Roman beschreibt ein Kater sein eigenes Leben. Der Roman gilt als Parodie auf den klassischen deutschen Entwicklungsroman.

„Der Kater Murr ist mir vor sieben Jahren zugelaufen“, erzählt Kurt Hübner. „Ich hätte ihn beinahe überfahren!

Er saß im Dunkeln mitten auf der Straße. Wie vom Himmel gefallen! Ich kam gerade aus dem Konzerthaus. Und wo ich doch E.T.A. Hoffmann so liebe, da habe ich ihn eben Murr genannt.“
„Sie lieben E.T.A. Hoffmann?“, frage ich. „Ich dachte, Sie lieben die Sterne. Die Sterne und Johannes Kepler!“
„Ich liebe die Sterne“, sagt Kurt Hübner, „und ich liebe Johannes Kepler. Aber ich liebe auch E.T.A. Hoffmann. Das schließt sich nicht aus, Josefine. E.T.A. Hoffmann hat ja sehr viel über das Dunkel geschrieben, über die Nacht. Und über das Unheimliche.“
Wir schauen hinauf zu den Sternen über Weißensee. Es ist sehr still. Ich bin froh, dass ich jetzt nicht allein hier bin.

***

Warum diese Szene?
Auf einer meiner letzten Lesungen fragte mich ein Sprachschüler, ob ich einen Lieblingsort in Berlin hätte. Einen Ort, an dem ich mich besonders gerne aufhielte. Das ist keine einfache Frage! Aber wenn ich einen Ort in Berlin nennen sollte, den ich gern habe, würde ich immer den Gendarmenmarkt nennen.

Ich habe diesen Platz sehr gern. Ein andermal werde ich hier über den Gendarmenmarkt erzählen.

E.T.A. Hoffmann jedenfalls hatte im Juli 1815 nicht weit von seinem Lieblingstheater, dem Königlichen Schauspielhaus (heute Konzerthaus Berlin), in der Charlottenstraße 56, eine Dachgeschosswohnung mit direktem Blick auf den Gendarmenmarkt gemietet. Ich verstehe das!

Wahrscheinlich habe ich deswegen eine Vorliebe für E.T.A. Hoffmann. Weil er am Gendarmenmarkt wohnte. Es könnte aber auch sein, dass ich wegen E.T.A. Hoffmann eine Vorliebe für den Gendarmenmarkt habe! Ich weiß es nicht!

Hier schrieb E.T.A. Hoffmann seine berühmten Erzählungen, die Jacques Offenbach mit seiner Musik später unsterblich machte. Und wer kennt sie nicht! Diese Musik!

Beziehungsweise hier im französischen Original:

Das ist mein E.T.A. Hoffmann vom Gendarmenmarkt in Berlin!

Wumms

Am 29. Dezember war es endlich wieder so weit.

In Berlin begann der Verkauf von Feuerwerkskörpern. In Deutschland kann man an genau drei Tagen im Jahr, nämlich am 29., 30. und 31. Dezember, offiziell in vielen Läden und Geschäften Raketen und Feuerwerkskörper kaufen. Ganz normale Tante-Emma-Läden verwandeln sich an jenem Tag urplötzlich in pyromanische Dealerhöllen.

Der Verkauf und das anschließende Zünden werden natürlich streng geregelt und überwacht. Die betreffende Vorschrift, die in Deutschland niemals fehlen wird, lautet 1. Verordnung zum Sprengstoffgesetz (1. SprengV). Die erste SprengV regelt, wie die nächtliche Knallerei in Deutschland ganz legal und sicher ist.

Darauf stellt sich auch der Einzelhandel ein. Dabei wissen wir, dass zwei Drittel unserer Silvesterknaller eigentlich aus China kommen! Das sind eine Menge Böller, wenn man bedenkt, dass auch die deutsche Firma Weca aus Freiberg rund 5.000 LKW-Ladungen voll Silvesterknallerei in die Läden fährt.

Mich geht das alles nichts mehr an.

Ich bin inzwischen wieder in Spanien. Hier ist alles anders mit den Böllern. Die Vertriebswege scheinen andere zu sein. Trotzdem gibt es natürlich Feuerwerk, und nicht zu wenig. Sogar bei mir auf dem Balkon!

Und damit wünsche ich allen Lesern ein friedliches Jahr 2012.